Freitag, 2. August 2013

DIE ERSTE WOCHE

DIE NACHT VOR DER ABFAHRT
Metten 
In der Nacht vor unserer Abfahrt trinken wir noch ein Bier im Motorbootclub.
Wir sind glücklich darüber, dass wir dort bleiben und ablegen dürfen, wurden dort sehr freundlich aufgenommen und freuen uns, dass wir mit einigen Clubmitgliedern ins Gespräch kommen.
Sie teilen wertvolle Informationen über den Fluss mit uns und geben uns Ratschläge. Doch zugleich spüre ich, dass sie alle sehr besorgt sind. Wir treten sehr unbedarft auf und sie erzählen Anekdoten, um uns aus unserer Naivität zu reißen. Die Donau sei kein Zuckerschlecken, wir sollten uns der Gefahren bewusst sein und vor allem die Abschnitte nach Ungarn mit Vorsicht genießen, könnten dort mit weniger Rücksicht von anderen Schiffen rechnen. Vor den Schleusen warnen sie uns ganz besonders. Allein bis Wien werden wir neun Stück passieren müssen. Ein junger Mann, sichtlich angetrunken, ist sehr betroffen und versucht uns von unserem Vorhaben abzubringen. Weil Umut nur Englisch versteht, sagt er immer wieder: „Why do you want to die?? Why do you want to kill yourself?? Do you not want to live??“
Wir nehmen die Ratschläge dankend an, wollen uns aber auch nicht verunsichern lassen. Mir ist mulmig. Zugleich weiß ich, dass die Reise mit unserem Boot möglich sein wird. Dass wir Risiken in Kauf nehmen, uns dessen bewusst sind und deshalb vorsichtig sein werden. Und dass, wenn man es genau betrachtet, auf deutschen Autobahnen täglich wahrscheinlich mehr Menschen verunglücken, als Ruderer auf der Donau.

Wir werden ein gutes Einschätzungsvermögen von Gefahren, eine gute Balance zwischen Mut und Sicherheit entwickeln (müssen), das ist schon einmal klar. Mit dem Gedanken schlafe ich ein.

TAG 1
Metten- Pleinting
Meine Familie besucht uns am Fluss und bringt Frühstück mit. Freunde kommen, sehen uns beim Packen zu, verabschieden sich und gehen wieder. Ein netter Mann, der uns schon seit Mai begleitet, im Hafen unsere Fortschritte bei den Reparaturen begutachtet hat, wünscht uns Glück und schenkt uns zwei „Fender“, luftgefüllte Gummieier, mit denen man die Bootswände in den Schleusen vor Kratzern schützen kann.

Mittags legen wir ab, fahren in einen strahlend sonnigen Sonntag hinein. Als erstes Manöver müssen wir von der einen auf die andere Flussseite rudern. Wir bekommen kurz Panik, fangen fast an zu streiten - werden koordinierter - und schaffen es. Bis zum Hafen in Deggendorf probieren wir unsere Technik aus. Hantieren mit unserem Segel. Der Reisebeginn ist zugleich unser erster Testlauf. Die Wasserskifahrer, Motorboote, Frachtschiffe bringen uns mit ihren Wellen arg ins Schwanken. Wir lernen, das Boot im richtigen Moment so zu drehen, dass sie uns nur noch sanft auf und ab schaukeln lassen.
Als wir am Gelände vom Zweckverband Donauhafen vorbeidümpeln, steht der Fenderspender mit seiner Frau an der Mauer und winkt uns zu. Wir freuen uns, ihn zu sehen. Verlieren die Richtung. fahren Zickzack und drehen uns einmal um die eigene Achse. Er sieht uns lange nach.

Wir sind aufgeregt, denn unser Boot hat über Nacht etwas Wasser gezogen und wir werden sehen, wie weit wir das mit Ausschöpfen in den Griff bekommen werden. Unter den Bodenbrettern klebt genug Styropor – wenn, dann werden wir nur langsam sinken. Der Notfallplan steht, im Fall der Fälle können wir an Land rudern und die Reise abbrechen.

Wir paddeln an der Mühlhammer Schleife vorbei, unterdrücken unseren unstillbaren Durst auf kühle Getränke. Die Sonne brennt auf unsere Köpfe. Zwei Kajakfahrer freuen sich über unser Boot. Sie denken, dass wir es damit zum Schwarzen Meer schaffen können, wenn wir nur genug Zeit haben. Die haben wir. Wir philosophieren darüber, wie unterschiedlich man die Donau wahrnehmen kann. Wie sie für den einen ein Ort voller Gefahr, die anderen einen Partner und Freund darstellen kann. Ob man sich gegen sie, oder mit ihr bewegt, scheint dabei ausschlaggebend zu sein.

Abends gehen wir kurz vor Pleinting, in einem Altwasserarm vor Anker, merken dass stehendes Wasser bewohntes Wasser ist - flüchten vor den Mückenschwärmen in unsere Zelte und schlafen die erste Nacht erschöpft und fröhlich ein.

TAG 2
Pleinting – Gerading (bei Vilshofen)
Morgens sehen wir mit Herzklopfen nach dem Boot. Quetzal ist nicht untergegangen. Die Pfütze im Boot lässt sich problemlos abschöpfen, das Wasser draußen wird immer mehr zum Freund. Steuern und Vorankommen braucht weniger Diskussion und passiert automatischer. Als die Sonne zu sinken beginnt, finden wir einen privaten Bootssteg, versteckt zwischen den Bäumen am Ufer mit zugehörigem umzäunten Grundstück. Wir beschließen dort zu bleiben. Noch sind wir ungeübt und missverstehen uns viel beim Versuch, uns dort festzumachen. Das Segel bleibt im Baum hängen. Sergio versucht uns vom Wasser aus in die richtige Position zu ziehen und stöhnt vor Anstrengung. Umut und ich verstehen seine Kommandos nicht, sind kurz planlos – am Ende schaffen wir es mit gemeinsamen Kräften, Quetzal zu befestigen. Im Durcheinander verlieren wir ein Paddel, was bitter ist.
Es wird dunkel. Wir befestigen die Hängematte und schieben Schichtdienst im Ausspannen, Kochen und Zelte aufbauen. Der Steg schwankt unter meinen Füßen, bis ich merke, dass der sich gar nicht wirklich bewegen kann, dass mir da also der Gleichgewichtssinn einen Streich spielt. Aufregend. Wir kochen Nudeln und blicken über den traumhaft schönen Fluss, der bunt gefärbt ist vom Sonnenuntergang. Es ist still. Auf dem Rasen krabbeln zwei schneeweiße Ratten unter dem Zaun hindurch, machen Männchen und beginnen das Gelände zu erkunden.

TAG 3
Gerading
Wir wachen auf – denken darüber nach, dass wir vor hatten innerhalb einer Woche in Wien zu sein – betasten die schmerzenden Muskeln – und beschließen noch einen weiteren Tag zu bleiben. Bei einem Haus in der Nachbarschaft dürfen wir unseren Wasserkanister befüllen, dann trampen Umut und ich zum nächsten Supermarkt. Ein Schild fällt uns ins Auge: Deggendorf 35 km. Irres Lachen. Am Fluss rechnen wir anders, da sind es immerhin 48 Kilometer, trotzdem, wir hatten mehr erwartet. Eine ganz neue Erfahrung von Langsamkeit! Wir kaufen Essen ein, laden Handy und Kamera in der Tankstelle auf und halten dann wieder den Daumen in den Wind. Diesmal klappt es nicht. Ein Mann ohne T-Shirt mit roten Wangen lacht uns aus und sagt, so, mit dem Bart, sähe Umut ja wie Bin Laden aus, da werde es nichts mit dem Autostop. Außerdem seien wir doch jung genug, um zu laufen. Die Sonne brennt, glücklicherweise weniger heiß, und wir vertreten uns ein paar Kilometer lang die jungen Haxen. Neben dem okkupierten Grundstück sitzen jetzt zwei Angler, Umut und ich machen einen scharfen Schlenker am Zaun vorbei, versuchen es über die Wiese, geben vor Blumen zu pflücken wenn Radfahrer vorbeizischen, scheitern an einer Unmenge von Stechdisteln und krabbeln dann hoch erhobenen Hauptes wie „ganz selbstverständlich“ neben den Anglern durchs Gebüsch. Ob jetzt die Polizei kommen wird? Irgendwie tun wir keinem weh, machen nichts kaputt, haben eine Art Notfall gehabt..
Wir danken den unbekannten Besitzern, dass sie uns in der Not aufgenommen haben, auch wenn sie davon nichts wissen. Sie haben uns so unglaublich viel geholfen in einem Moment, in dem wir es dringend brauchten. Die Moral ist wieder oben, die Motivation auch.

TAG 4
Gerading – Kachlet
Vor der Schleuse Kachlet geht es zäh voran. Das wussten wir davor schon theoretisch, nur spüren wir nun praktisch, wie es sich anfühlt, wenn man anfängt, Fahrradfahrer mit Rennautos zu verwechseln, weil man sich selbst kaum oder gar nicht mehr bewegt. Wir paddeln und sind am Ende sehr stolz darauf, dass wir an einem Tag 14 Kilometer geschafft haben. Am Abend erreichen wir unsere erste Schleuse. Ordentlich melde ich uns über das Funktelefon an der Liegestelle für Sportboote, direkt vorm Kraftwerk, beim Schleusenwärter an. Der antwortet freundlich, dass sie gerade streiken und wir deshalb die Nacht hier verbringen müssen. Wir bauen die Zelte auf. Umut macht sich auf den Weg nach Passau. Sergio und ich machen Ordnung im Boot, als wir von einem plötzlichen Wolkenbruch überrascht werden. Umut kommt zurück gerannt, es schüttet aus Kübeln, jeder nimmt ein Stück Brot und Wurst auf die Hand und wir flüchten in die Zelte.

TAG 5
Kachlet – bei Obernzell
Morgens liegt noch Dunst über dem Wasser und es ist dampfig frisch. Über Funk bitte ich um Einlass in das Kraftwerk, um die Toilette benutzen zu können. Auf meinem Weg begegne ich niemandem. Jede der hohen Türen, an denen ich vorbei gehe, ist ohne Türgriff, ohne Schild und alle sind verschlossen. Nachdem ich das ganze große Gebäude umrundet habe, finde ich einen Eingang, melde mich über Gegensprechanlage. Jemand antwortet, die Anlage ist kaputt, ich verstehe nur die Hälfte, der Summer gibt den Weg frei, ich öffne die riesige Tür. Da ist gleich die Toilette, es ist gespenstisch still, ich treffe einen Putzmann, sonst sind die Fluren menschenleer. Ich frage mich, ob das Kraftwerk vielleicht ganz und gar automatisch funktioniert und alles von Robotern gesteuert wird. Dass da, in diesem riesigen Gebäude, vielleicht gar keine Menschen drin sind.

Wir packen zusammen. Ein Kraftwerksmitarbeiter leert den Mülleimer und erklärt uns, dass sie streiken, weil die Zuständigkeit für das Kraftwerk wechseln wird, sie in die Gespräche nicht miteinbezogen werden, deshalb Lohn und Arbeitsort für sie nicht mehr sicher seien.

Mittags sollen wir durchgeschleust werden. Ein Motorboot legt hinter uns an. Es sieht schmuck aus. Ein junger Mann, eine junge Frau und ihre zwei Hunde, sind inklusive Kräutertöpfen damit gerade auf dem Weg nach Wien. Sie kommen aus Deggendorf, geben uns einen Buchtipp für die Strecke bis zum Schwarzen Meer, gute Hinweise, wie man sicher durch die Schleuse kommt und bieten dann an, uns an sich anzubinden, damit wir gemeinsam die Schleuse passieren können. Wir sind überglücklich, können also erst mal beobachten, bevor wir uns mit dem konfrontieren, was neben großen Wellen und schwerfälligen Frachtern die größte Gefahr darzustellen scheint, die der Fluss gerade für uns zu bieten hat. Als wir drin sind, ist es dann weniger aufregend als gedacht. Die Kammer schließt sich, das Wasser sinkt stetig ab. Die junge Deggendorferin hält den Schleusenhaken in der Hand, durch den zwei Taue gezogen sind, die das Motorboot vorne und hinten halten. Sie hängt ihn in die Leiter ein und rutscht immer wieder eine Stufe weiter nach unten. Alles läuft glatt, wir sind alle still, konzentriert und ernst. Umut filmt. Chico, der eine Hund, ist von der Aufregung ganz unberührt und hüpft lustig zu uns hinüber, wieder zurück, aufs Dach, von Panik keine Spur.

Wir lassen uns ein bisschen ziehen, bis der Fluss wieder Geschwindigkeit aufnimmt, verabschieden uns und sagen laut: Wir haben sie bezwungen, die Schleuse! We did not die!

In Passau werden wir vom Passagierschiffkaptiän der „Gisela“ angeschrien, weil wir erst spät verstehen, dass er nicht an uns vorbei, sondern nur vor uns umdrehen will. Die Strömung erweist sich als trickreich, wir lassen uns nicht übers Ohr hauen, entwischen ihr und überqueren ohne es zu merken die Grenze nach Österreich.

Immer mehr Ausflugsboote fahren an uns vorbei. Eins hat Swarovski Interieur, ist mit Glitzerfolie beklebt und hat echte Palmen an Deck. Die Touristen winken. Wir winken zurück.

Den Rest des Tages paddeln wir unter unserem gelben Sonnenschirm, es geht flotter voran. Gegen Abend bekommen wir Besuch von der Wasserpolizei. Die stellen ein paar Fangfragen. Ich bin vorbereitet und antworte souverän. Sie freuen sich sichtlich über das Wort „Schleusenhaken“ und unser sehr professionelles Flussbuch, das uns ein Frachtschiffer geliehen hat. Sie fragen, wie weit wir denn fahren wollen. Ich sage: „Nach Linz“ – weil ich weiß, dass die Wahrheit uns nur Probleme machen würde. Ich sage und meine es ernst: „Wenn wir merken, es klappt nicht mehr, dann lassen wir das Boot natürlich liegen.“ Die Polizisten lassen das gelten, geben uns einen Tipp für die Übernachtung und verabschieden sich wieder.

Als wir kurz darauf Obernzell erreichen, flirrt die Hitze über den Dächern und wir sehen niemanden. Eine Geisterstadt, sagt Umut, und weil wir den Steg verpassen, hören wir auf zu paddeln, er filmt und wir lassen uns an der Szenerie vorbeitreiben. Kurz danach legen wir an einem Gasthaus mit Campingplatz an. Dass wir dort bezahlen müssen, macht uns nicht glücklich, doch der phänomenale Ausblick und die Aussicht auf eine richtige Dusche überzeugen uns dann doch. Sergio und ich machen Ballettübungen am Geländer, Umut kocht Bulgur und später trinken wir ein echtes kaltes Bier vor unseren Zelten.


TAG 6
Bei Obernzell – Au am Wesenufer
Bald erreichen wir das Kraftwerk Jochenstein. Diesmal zieht uns niemand. Eine Familie im Motorboot beäugt uns aus der Ferne, und filmt, wie wir schwitzend in die Schleuse rudern. Wir verpassen den einen Poller, vergessen, dass wir nicht neben, sondern hinter dem Passagierschiff stoppen sollen, werden über den Lautsprecher angeschrien. Wir müssen wieder umdrehen und zurück. Ich werde nervös und schwitze noch mehr. Wir geraten aus dem Takt. Die Rentner auf dem Ausflugsschiff fiebern mit. Sie feuern uns an: „Eins Zwei Eins Zwei!“
Als wir in Position sind, wird das Wasser abgesenkt. Ein Tau verheddert sich kurz, Sergio bekommt es wieder los. Die anderen Bootsfahrer filmen. Am Ende ist es weniger schlimm als gedacht, wir sind stolz, dass wir es geschafft haben und machen Pläne, wie es beim nächsten Mal noch glatter laufen kann.

Danach geht es wieder flotter, bis die Donau anfängt sich immer mehr zu winden und zu schlängeln, Dörfer verschwinden und wunderschöne lauschige Wälder fassen uns zur Linken und zur Rechten ein. Sanft geschwungene Hügel ziehen sich die Ufer hinauf, der Fluss legt sich in niemals enden wollende Kurven, als wollte er sich zum Kreis biegen.

Mit den Wäldern kommen die Bremsen. Sie überfallen uns in Dutzenden und stechen vor allem die beiden Jungs. Ihr Biss schmerzt sofort, sie bohren ihre Rüssel sogar durch Stoff. Wir fluchen, klatschen uns gegenseitig auf Rücken und Schultern. Die Landschaft entschädigt uns. Immer wieder, für kurze Zeit. Als der Fluss langsamer wird, springt Sergio mit der Schimmweste ins Wasser und zieht uns zwei Kilometer lang hinter sich her. Ankernde Motorbootsfahrer schmunzeln und schütteln die Köpfe.

Ein Ehepaar mit Hund steht bis zum Knie im Wasser, sie das Kleid hochgeschürzt, er mit offenem Hemd. Sie sehen uns vom Ufer aus zu. Sie lacht und sagt: Schönes Boot! Schöne Farben! Schöne Menschen! Wir freuen uns.

Einen Jachthafen mit Hotel lassen wir rechts liegen, auf der Linken sieht es interessanter aus. Mit letzter Kraft schaffen wir es auf die gegenüberliegende Seite. Beim Gasthaus „Zur Fährfrau“ der Familie Pumberger stellen wir die Zelte unter Nussbäumen auf, genießen die sehr ehrliche, authentische Umgebung des alten Bauernhauses, mit urigen Gartens, Kühen hinter dem Haus und Pfauen, die statt der sonst üblichen Hühner auf dem Misthaufen picken. Motorboote und Frachtschiffe schlagen hohe Wellen. Wir liegen in den Zelten, Grillen zirpen, der Boden schwankt wieder und im Fluss liegt Quetzal und tanzt.


TAG 7
Au
In der Nacht hatte ich einen Alptraum. Im Halbschlaf bin ich mir sicher, dass sich das Zelt auf einem Boot befindet. Ich werde panisch und bitte Sergio, mir zu helfen, wir treiben auf dem Fluss und müssen dringend steuern! Meine Hände suchen nach dem Zeltausgang, er versucht mich zu beruhigen und sagt: Fiona, wir sind nicht auf dem Fluss. Ich sage: Doch, ich kann es doch fühlen! Der Boden bewegt sich heftig unter mir. Er insistiert: Wir sind im Zelt, nicht im Wasser. Ich finde den Ausgang, sehe Gras statt Wasser und schlafe wieder ein.

Wir wachen alle spät auf und sind wie gerädert. Gemeinsam entscheiden wir, dass wir uns eine Pause verdient haben. Der Bauer verkauft uns frische Milch und wir dösen nach dem Frühstück auf der Wiese vor uns hin.

Ich höre ein Gespräch zwischen einer Radfahrerin und dem Fährmann mit. Sie hat eine junge Kollegin, die ihr Sorgen macht. Jemand sagt: Das ist eine ganz andere Generation. Die wollen noch hackln (österreichisch für arbeiten). Alle stöhnen über diesen Umstand. Der Fährmann sagt: „Ich finde, 40 Stunden Arbeit pro Woche reichen. Und dann mach ich Urlaub.“

Eine Frau im Gastgarten redet ununterbrochen und ist sehr unzufrieden darüber, dass sie viel arbeitet, immer spurten muss und sich keine Erschöpfung oder Pausen erlauben kann. Der Arbeitgeber habe keine Toleranz dafür, wenn sie mal einen freien Tag brauche, sie gebe alles für die Patienten, doch wenn es ihr mal schlecht ginge, sei da niemand, der sich dafür interessiere.

Im Gang des Bauernhauses hängt ein gerahmter Spruch, der Bescheidenheit preist und anmahnt, dass man alle Besitztümer irgendwann, in der Stunde des Todes, wieder verlieren wird.

Wir ruhen uns aus, schlafen, schwimmen. Wandern auf einen Berg, zur Ruine der Burg Haichenbach, von deren höchsten Punkt aus man auf der linken wie auch auf der rechten Seite den Fluss sehen kann. Um den Hügel legt sich die beinahe kreisrunde Donauschleife, die Schlögener Schlinge. Das Abendlicht ist magisch, wir sehen Schmetterlinge, Schlangen und Frösche.

Neben unserem Zelt hat ein Wohnmobil geparkt, ein hübsches sportlich aussehendes Paar mit Kajak auf dem Dach. Sie kommen aus Linz. Ich frage sie, wo wir in Linz stoppen können, und es stellt sich heraus, dass sie ein absoluter Glücksgriff sind. Wolfgang ist im Kajakclub, fährt seit seiner frühen Jugend auf der Donau und hat viele Geschichten über den Fluss zu erzählen. Wir sitzen mit ihm und seiner Frau Pari beim Lagerfeuer, trinken Most und sind gebannt von seinen Erzählungen. Da geht es um Spaß auf dem Wasser, voller Risiko. Der Fluss wird zum wilden Spielpartner, auf dem er und seine Freunde in Kindertagen reiten, Dampferwellen auf denen sie mit den Kajaks surfen, bis das Boot halb zerhäckselt und durch die Luft geschleudert wird. Damals hat die Donau wilderes Wasser als heute, die vielen Kraftwerken machen sie langsam. Wolfgang spricht von Mut und der Lust, mit dem Fluß Abenteuer zu erleben - eher, als sich von ihm verstören zu lassen. Er sagt, er verstehe nicht, warum Menschen denken, die Donau sei gefährlich. Autofahren sei gefährlich. Aber doch nicht die Donau!

Als er von seinem Vater berichtet, dessen Erfahrungen bei den Pfadfindern, was sie damals an sportlichen Leistungen und Abenteuern gewohnt waren, lässt mir bewusst werden, wie gemütlich und sicher wir es doch eigentlich haben, mit unseren knallorangenen Schwimmwesten, der vollen Vorratstaschen und dem Solarladegerät fürs Handy. Wolfgangs Vater hat mit 12 heimlich wochenlange Bootsausflüge gemacht und ist von einer 20 Meter hohen Brücke gesprungen. Wolfgang hat im gleichen Alter mit anderen Kindern Lagerfeuer gemacht, war Schwarzfischen und Kajakfahren ohne Aufsicht. Wir sprechen über den Unterschied zu heute, wie Kinder jetzt behütet und geschont werden.
Müde, voll von Geschichten und neuen Ideen falle ich ins Bett. Was bleibt ist der Gedanke, dass es mehr Spaß macht, Abenteuer zu erleben, als sich vor ihnen zu verstecken. Und dass wir mit dem, was wir gerade tun, so in etwa mit einem 12jährigen Wolfgang mithalten können. Während der durchschnittliche 12jährige nicht einmal zum Wandertag am Donauufer spazieren darf, weil seine Eltern Angst vor den ungesunden Keimen haben, die dort nach der Flutkatastrophe ihr Unwesen treiben.


TAG 8
Au – 6 km vor Aschach
Als wir aufstehen, hat Wolfgang schon gefrühstückt und ist 10 km Kajak gefahren – stromauf- und abwärts wohlgemerkt. Beim Ablegen verabreden wir uns, wollen bei seinem Clubhaus anlegen. Die Querfähre macht eine außerplanmäßige Kurve, um uns zu fotografieren und zu winken. Die Längsfähre schafft es zwei Mal an uns vorbei, lacht und feuert uns an.
Ein weiteres Kraftwerk, Aschach, rückt näher, und wie Wolfgang es uns prophezeit hat, stockt die Geschwindigkeit. Für den Abend wird Regen angekündigt. Weil uns die Wirtschaft beim Wikingerdorf wieder Geld fürs Campen abknöpfen will, rudern wir weiter, finden im richtigen Moment eine Stelle mit wenig Fließgeschwindigkeit und mit im Wasser stehenden Bäumen, an denen wir das Boot festmachen können. Wind kommt auf. Die Bremsen stechen wie blöde. Sergio, der die meiste Zeit im Wasser steht, wird brutal zerstochen. Er schlägt um sich und beginnt, sich mit Donauschlamm einzureiben. Über und über olivgrün, nackt, trägt er mit Umut unser Gepäck zu einer Stelle, wo wir neben dem Radweg die Zelte aufstellen können. Ich bleibe im Boot, schöpfe das letzte Wasser aus und mache es regensicher. Umut entfacht ein Feuer.
Sergio und ich gehen Holz suchen. Er tarnfarben beschlammt, ich in Ringelshirt und Ringelunterhosen, ein seltsames Paar beide triefend nass.

Umut kann bei Wind und bei Regen, mit Papier und ohne Feuer machen, und zwar schnell. Wir kochen Nudeln in der Glut. Verschlingen sie hungrig.
Unser Lager liegt direkt neben einem roten Blinklicht, gegenüber auf der anderen Flussseite ist ein grünes Blinklicht, auch neben ihm brennt ein Feuer. Lustig, gleiche Idee, man fühlt sich so wild und weit weg von der Zivilisation, und zugleich ist man doch immer noch in Rufweite. Wir schlafen, während der Wind hart an unseren Zelten rupft. Selbst drinnen, sogar mit geschlossenen Augen sehe ich es noch, das Licht: An. Aus. An. Aus. An. Aus...


TAG 9
6 km vor Aschach – kurz nach Aschach
Wieder eine Schleuse. Aschach. Danach türmt sich Welle auf Welle, die Rekruten der Bundeswehr üben Bootsmanöver. Wir stoppen, um Vorräte aufzufüllen. Sergio hält das Boot fest und unterhält sich mit einem freundlichen Schwimmer. Umut und ich gehen Einkaufen. Wieder ist Regen angesagt. Kurz nach Aschach frischt der Wind auf. Wir sehen uns nach einem passenden Ort um. Gerade zur rechten Zeit finden wir eine natürliche Bucht, zwei Ruderboote liegen dort vor Anker. Es ist ein eins A Piratenstrand, mit weichem Sand, Feuerstelle und schönen Weiden. Im tröpfelnden Regen macht Umut sein Feuer, Sergio und ich befestigen das Boot, denn wir erwarten ein Gewitter.
Ein wenig lässt uns der Regen in Ruhe, wir können essen, trinken Rum, beobachten die aufregenden dunklen Wolken am Himmel. Aus einem Baumblatt ziehe ich einen Angelhaken, wir sind glücklich, schließlich wollen wir bald damit anfangen, Fische zu fangen.
Der Wind wird stark, Regen kommt, mit ihm große rötlichorange Nackschnecken, die groß sind. Im Dunkeln trete ich auf einige von ihnen, bibbere angeekelt. Umut beobachtet mit seiner Taschenlampe wie sie zäh und langsam versuchen an seinem Zelt hochzuklettern. Sergio ist schon eingeschlafen, Umut und ich bekommen plötzlich Sorge, dass wir unser Lager zu tief aufgeschlagen haben, beim Unwetter das Wasser dorthin fließen könnte. Der Wind, verstärkt durch die Pappeln in unserer Nähe, deren Blätter aus einem Lüftchen ein Sturmbrausen machen, lässt uns noch länger im Glauben, dass es mit der Flut bald so weit sei. Und ich überprüfe einige Male mit der Taschenlampe den Wasserstand, bevor ich in den Schlaf finde.


TAG 10
Nach Aschach - Puchenau bei Linz
Am Morgen sehen wir, dass kein Wasser gekommen ist, es weniger geregnet hat als gedacht, aber dass zwei Haken aus unserem Boot, an dem wir Taue befestigt hatten, herausgebrochen sind. Wir sehen, dass wir unsere Befestigung verbessern, die Wellen mehr beobachten und die richtige Position optimieren müssen.
Wir schütteln die Schnecken aus unserer Geschirrkiste, laden auf und paddeln los. Alessandra ruft an, sie fliegt heute nach Wien und wir verabreden uns für den übernächsten Tag in Linz. Der Wind steht günstig. Schnell kommen wir zur Schleuse Ottensheim. Wir sind viel schneller unterwegs als sonst, kurz vor der Schleuse. Diesmal müssen wir den Fluss zur linken Seite überqueren. Ein Frachter verlässt das Kraftwerk und wir rudern mit voller Kraft. Denken, dass wir es schaffen können. Er hupt. Kommt zu nahe, wir drehen bei und er zieht an uns vorüber. Davor haben wir diese Schiffe nur von der Seite gesehen, doch so frontal, Auge in Auge, wird uns noch einmal mehr bewusst, dass wir uns von ihnen tunlichst fernhalten müssen.
Den nächsten Frachter lässt die Schleuse auf uns warten. Wir können kreuzen. Ein Motorboot kommt, das steuernde Paar ist unglaublich freundlich, zieht uns am Tau in die Schleuse und aus der Schleuse wieder hinaus. Sie schleppen uns bis in die die beste Strömung.
Wir wissen, dass wir durch ihre Hilfe in etwa einen halben Tag gewonnen haben und sind überglücklich. Außerdem gibt es keine Bremsen mehr.

Schon zum späten Nachmittag hin sind wir so nah vor Linz, das wir beschließen, noch einmal wild zu campen. Am Ufer sind sandige Strände, Badende, viele Hundebesitzer. Diesmal finden wir die beste und sicherste Position für Quetzal, wir machen sie fest, Umut kümmert sich ums Feuer. Zum ersten Mal können wir früher stoppen, nach einem kurzen Tag, noch frisch genug, um den Abend zu genießen. Es ist noch hell.
Ruderer fahren auf und ab. Plötzlich nähert sich ein Kajak, Jemand ruft: Umut, Umut! Wir sind irritiert, doch als es direkt vor uns auf den Strand auffährt, erkennen wir Wolfgang. Die Freude ist groß! Wie schön es ist, einfach so, auf dem Fluss, andere Flussmenschen zu treffen! Er ist gerade mit seinem Kajakkurs unterwegs, mal schnell eine halbe Stunde stromaufwärts, dann stromabwärts fahren. Er erklärt uns noch einmal den genauen Weg zum Clubhaus, dann legen sie wieder ab und wir suchen Holz für unser langes Genussfeuer.
Bis in die Nacht hinein sitzen wir, beobachten Frachter, die man im Dunklen kaum wahrnimmt, Geisterschiffe, mit schwummrig funzelnden Vorder- und Rücklichtern. Der Sand ist weiß und weich. Es wird spät, doch wir wissen, dass wir morgen nur eine sehr kurze Strecke vor uns haben.

Wir sind ganz versunken, sitzen auf einem liegenden Baumstamm, als drei Frachter nacheinander eine so unverhoffte, so große Welle auslösen, dass sie unser Lagerfeuer zerschlägt, das Holz im Wasser herumgewirbelt wird, wir rückwärts vom Stamm fallen und in einer pitschnassen Pfütze verdattert gar nicht verstehen, was uns passiert ist. Doch, wir haben schon verstanden. Genug, die Party ist vorbei. Die Donau hat mein Kopftuch und unser Öl geklaut. Am nächsten Morgen finden wir dafür einen Kopf Salat, einen kleinen toten Fisch und einen weiteren Angelhaken. Ein fairer Tausch.


TAG 11
Puchenau bei Linz
Wir stehen spät auf, machen Peeling mit Flusssand, Schwimmen und Joggen. Der Wind bläst aus der richtigen Richtung und wir legen schnell die 5 km nach Linz zurück. Am Kajakclub lassen wir uns im Garten nieder, dann hilft uns Wolfgang und der junge David dabei, das Boot aus dem Wasser zu wuchten. Das ist nicht einfach. Die Rampe ist rutschig, wir bräuchten mehr Helfer, am besten einen Slipwagen. Wir improvisieren mit Rundhölzern und rollen das Boot.
Unser Schwert ist verloren gegangen. Beim Verschieben schwitzen wir Blut und Wasser, eine weitere Beschädigung kann unsere Fahrt schnell Platzen lassen. Doch, wir schaffen es. Wir sichern das Boot mit einem Tau und trinken Feierabendbier mit Wolfgang.
Nachts sitze ich lange mit Umut am Feuer. Wir reden über die Gruppendynamik, darüber, dass wir uns aufeinander einspielen. Dass bis jetzt jeder schon mindestens einmal ungehalten darüber war, weil er glaubte, besser zu wissen, was der andere tun müsse. Wir merken, dass wir alle über unsere Schatten springen müssen. Dass die Konfrontation, die wir jeder für sich, aber auch miteinander erleben, sehr extrem ist. Es hilft, wenn wir offen sind, freundlich bleiben, uns der Risiken bewusst sind, dennoch nicht vor Angst oder Wut den Kopf verlieren.

Nachts schwankt der Boden wieder. Doch die Panik ist verfolgen. Ich bin zwar nicht ganz wach, bin noch immer nicht sicher, ob ich nun auf dem Wasser bin, oder nicht. Diesmal weiß ich mir zu helfen. Ich öffne ich den Reißverschluss an der Zelttür, berühre den Boden. Dann lasse ihn so weit offen, dass ich im Liegen jederzeit das Gras sehen kann und schlafe beruhigt wieder ein.


TAG 12
Linz
Wir schlafen. Erholen uns. Waschen uns. Waschen das Boot. Wir reparieren den Spitzedeckel, die Sitzbank und den Sonnenschirm. Die Sonne brennt vom Himmel. Wir genießen, dass wir im Garten den ganzen Tag Schatten haben. Quetzal liegt am Fluss auf der Seite und trocknet. Wolfgang lässt uns die Werkzeuge aus dem Club benutzen, hat uns zwei alte Paddel geschenkt. Er freut sich über unsere Hängematte und liegt erst mal ein Stündchen darin Probe, ruht sich aus für seinen Kajakkurs.

Abends kommt Alessandra an, die zuerst von Madrid nach Wien geflolgen und dann von Wien nach Linz gefahren ist. Wir freuen uns sehr, dass sie endlich da ist!

Abends kommt der Nachbar vorbei, fragt nach unseren Fortschritten und hilft uns mit Feuerholz aus. Wir kochen Bohnen mit Speck im Feuer. Lisa ruft an, sie ist mittags von Berlin aus losgetrampt und ist nun kurz vor Linz. Gemeinsam laufen wir los, zum ersten Mal führen uns unsere Schritte weiter vom Fluss weg, als je zuvor. Mein Gang ist schon O-beiniger Seefahrergang geworden. Am Fluss leuchten grellbunte Lichtinstallationen, wechseln ihre Farben von bläulich zu rötlich zu grünlich. Wow! Großstadt!

Menschen führen Mopshunde an der Leine, auf dem Hauptplatz leuchtet uns eine metallene Sonne mit langen Strahlen entgegen. Ich spüre, rieche und fühle Österreich. Es ist wie im Urlaub, es ist eindeutig „Ausland“. Wir holen Lisa ab, und berichten Alessandra und ihr, was wir in der ersten Woche erlebt haben. Ich auf Deutsch, Sergio auf Spanisch. Danach sitzen wir lange am Feuer. Der erste Teil der Crew ist nun komplett. Wir haben aufgegeben, uns zu beeilen, die Reise hat uns gelehrt, die Geschwindigkeit links liegen zu lassen uns zu nehmen, was der Fluss uns bringt.

Wolfgang weiht Umut morgen ins Kajakfahren ein, abends werden wir alle von ihm zum Drachenboottraining mitgenommen. Der Club besitzt ein original chinesisches Drachenboot (mit Drachenkopf und Pauke, die den Takt schlägt!) und bereitet sich gerade auf ein Rennen vor.

Jetzt ist es drei Uhr morgens. Die anderen sind schlafen gegangen. Lisa und Umut kriechen noch einmal kurz hervor. Sie dachten, das Feuer sei noch an, sie hörten es knacken. Doch das Geräusch waren keine Flammen, sondern meine Finger auf der Computertastatur. Hinter mir poltern Autos über die Autobahnbrücke. Es ist kühl geworden. Links von mir, hinter dem Büschen, der Fluss. Morgen hat er uns also wieder.


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