Dienstag, 3. September 2013

TAG 32, Die Entscheidung. Die Optionen. Teil I

In einem Wiener Wohnzimmer.




Ein Kaffeebesuch bei Fiona Brady verlängert sich in den Abend hinein und ihr großes Wohnzimmer füllt sich nach und nach wie zufällig mit jungen Kreativen, die mit Musik, Film, Theater und bildender Kunst arbeiten.

Wir ergreifen die Gelegenheit, geben den Laptop mit Bildern von der Quetzal herum und berichten vom Projekt. Wir stellen die Frage in den Raum: Es sieht so aus, als müssten wir die Fahrt bald abbrechen. Der Herbst kommt, damit bald schlechter Wind und außerdem läuft Sergios Aufenthaltsgenehmigung ab. Bis Serbien kommen wir nicht mehr, sollten also besser den Schengenraum verlassen, so schnell wir können. Doch wie kann es mit dem Projekt weiter gehen? Gemeinsam fangen wir an herum zu spinnen.

Welche Möglichkeiten haben wir?

1. HAUPTSACHE DAS BOOT KOMMT NACH ISTANBUL
Wenn wir es allen Ernstes dieses Jahr noch zum Delta und dann nach Istanbul schaffen wollen, dann müssen wir das Boot per Frachtschiff oder LKW nach Istanbul zu karren. Dann würde die Geschichte ganz glatt aufgehen.

Das würde dann nur die Idee eines Bootes, das uns fast gratis trägt - einer Reise, in denen man den aufkommenden Problemen mutig und kreativ begegnet - ad absurdum führen.


2. IRONISCH BEHAUPTEN 
Während meiner Studienzeit in Wien war ich fasziniert von der seltsamen Türkenangst einiger Stadtbewohner. Mir war, als schlummerte die alte Angst, über Generationen hin schleichend weitervererbt, noch immer in ihnen: Wie sie vor Wien standen, die Türken, und dann, kurz vor dem totalen Desaster, doch noch abgezogen sind. Wenn man der rechtspopulistischen Partei FPÖ Glauben schenken mag, die im Wahljahr 2006 mit eindeutig türken- und islamfeindlichen Parolen warb, stand der erneute Angriff - eine "Istanbulisierung" Wiens - kurz bevor:

Quelle:  http://www.demokratiezentrum.org/bildung/lernmodule/migration/unterrichtssequenz-2.html

Einige Jahre sind vergangen, es gibt sie immer noch, die türkischen Bäcker und Gemüseläden. Es sind sicherlich mehr geworden - Wien hat sich also längst in Istanbul verwandelt. Wien IST Istanbul! Deshalb wäre es für mich sehr stimmig, das Boot in Wien zu lassen. Am liebsten auf dem Platz mitten vor der Karlskirche.



Quelle Bild: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/62/Karlskirche_Vienna_Front.jpg


Wir überlegen, wie wir es anstellen könnten, die Quetzal in einer Nacht- und Nebelaktion dorthin zu bringen. Wie das Boot dann da so stehen würde, still und stumm, als wäre es einfach so vom Himmel gefallen. Im Schiff ein kleiner Fernseher, auf dem Umuts Videos, Alessandras und Paidas Fotos zu sehen sind. Dahinter ein Schild mit der Aufschrift: "OH, WIE SCHÖN IST ISTANBUL!"

Nur- das Boot wiegt knappe 200 kg und nicht so leicht zu transportieren. Am Karlsplatz sind zu viele Kameras, um das unentdeckt machen zu können. Wir haben kein Geld, um einen Anhänger zu mieten und eine Strafe zu bezahlen, lassen die Idee also fallen.


Inspirationsquelle: www.beltz.de

3. VISUELL ÜBERWÄLTIGENDEN
Andere Ideen? Umut sagt, wie schon mehrmals davor: Oh ja, lasst es uns anzünden! Und ich filme, wie es langsam brennend den Fluss hinunter treibt...

4. PERSONIFIZIEREND ÜBERHÖHEN 
Ich sage: Ja, und dann sammeln wir die Asche ein und die tragen sie in einer Urne feierlich nach Istanbul!

Hm.. Mit den Optionen 2-4  hätten wir uns zwar mit einem kleinen Trick vorm totalen Scheitern unseres Plans "gerettet", aber das vernichtet, was Sergio und ich in langer Arbeit geschaffen haben. Ein Boot, das funktioniert, wieder fahrtüchtig gemacht werden kann. Das Projekt so hart abzubrechen, wäre also irgendwie verschenkt.
.......

[Weiter geht es im Text: TAG 32, Die Entscheidung. Der Plan. Teil II!]



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